Im Zusammenhang mit der Beschäftigung mit meinem Magisterarbeits-Thema wälzte ich in den vergangenen Wochen mehrfach die Lebensläufe bzw. -entwürfe vieler Planer und Durchführer der Judenvernichtung während des Dritten Reiches.
Ich bin nicht gänzlich ein Feind der Web-Recherche, da diese einen häufig auf fern liegende Spuren zu dem untersuchten Gegenstand führt: Das WWW hält durch die Qualität der Verlinkung viele Querweise bereit, die zwar von der eigentlichen Forschungsfrage wegführen, allerdings manch andere Fragestellung aufwerfen.
Ich musste mich im Rahmen meiner Magisterarbeit etwa mit dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler beschäftigen. Obwohl mir die einschlägige Literatur schon die besten Lesetipps an die Hand gegeben hatte, suchte ich nach Himmlers Einträgen im Internet. Kurz darauf fand ich mich auf Wikipedia wieder. Ein paar Klicks später befand ich mich auf den Seiten Adolf Eichmanns, des bekanntesten „Schreibtischtäters“ der Nazis, sowie Heinrich Müllers, dem Chef der legendären „Gestapo„.
Was mir auf jenen Seiten inhaltlich bzw. in den weiter führenden Links begegnete, war einerseits nicht nur geradezu haarsträubend, sondern teilweise revisionistisch.
So ist in dem Adolf Eichmann behandelnden Artikel davon die Rede, dass der Bundesnachrichtendienst sowie der israelische Geheimdienst Mossad an der Verhaftung Eichmans nach 1945 eigentlich nie ein gesteigertes Interesse hatten. Unterfüttert wird dies unter anderem mit der völlig unbelegten Behauptung, dass Simon Wiesenthal bereits fünf Jahre vor der Verhaftung Eichmanns von dessen Aufenthaltsort wusste.
In der Fortführung des Wikipedia-Artikels schwadroniert der Autor/die Autorin/die Autoren davon, dass sowohl Deutschland, das Aufenthaltsland Eichmanns Argentinien, als auch Israel die Verhaftung Eichmanns aufgrund eines Atomprogramms Israels bewusst nicht durchführten. Denn, so weiß der Wikipedia-Artikel zu berichten, war die Verhaftung Eichmanns 1960 nicht der israelischen Staatsraison (=Aufspürung deutscher Völkermörder) geschuldet. Sie entsprang nach Meinung der Wikipedia-Schreiber dem Willen deutscher „Davongekommener“ sowie des Mossads, der seine geheime Mission zu nuklearen Beherrschung ganzer Weltteile bedroht sah.
Dass Adolf Eichmann am 31. Mai 1962 den verdienten Tod fand, erachten die Wikipedia-Autoren offenbar nur teilweise als richtig. Die Lesart, dass Eichmann Mitwisser über ein israelisches Atomprogramm war, ist bis heute nicht von der Wikipedia-Website entfernt worden, obwohl sie auf mehrerlei zweifelhafter Aussagen beruht. Jene auf dem Wikipedia-Artikel zu jenem Wissen Eichmanns zitierte Gaby Weber wird unter anderem auf der antiwestlichen, der islamofaschistischen Sache durchaus zugetanen Seite www.labournet.de fleißig zitiert. Ein unbescholtener Leser des Eichmann-Artikels auf Wikipedia könnte nach der Lektüre also durchaus zu dem Ergebnis kommen, dass Eichmann selbst Opfer und kein Täter war, dass er unlauteren Methoden ausländischer, namentlich israelischer (und damit jüdischer) Agenten zum Opfer fiel.
Insofern bekommt die Charakterisierung Eichmanns auf Wikipedia durch jene Weber-Zitate eine Note, die zwar historisch sehr (!) zweifelhaft, nach der deutschen Lesart politisch umso korrekter ist: Eichmann war nicht nur ein Vorkämpfer gegen jüdische Selbstverteidigung, nein, die Nachfahren der Holocaustopfer haben daraus nicht einmal etwas gelernt!
Wenn man auf dem Wikipedia-Artikel von Eichmann weiter klickt, kommt man irgendwann zu Heinrich Müller. Der Name sagt den wenigsten etwas, die von ihm verantwortete Institutiuon ist jedoch weltberühmt: Müller war von 1939 bis 1945 Chef der „Geheimen Staatspolizei„, der allseits bekannten „Gestapo“.
Da Müllers Todesumstände bis heute unbekannt sind, müssen sich all jene, die sich mit dem Ende Müllers beschäftigen und keinen Zugang zu einer Universitätsbibliothek haben, auf die im Netz zur Verfügung stehende Sekundärliteratur beschränken. Die „Bundesprüfstelle für jugendgefährende Schriften“ leistete hierzu 1999 bereits einen Beitrag, den man nach bundesrepublikanischen Maßstäben als Musterleistung bezeichnen muss: sie behandelte in den Ergebnissen ihrer Studie „Von „Antimarxismus“ bis „Xenophobie“. Rechtsextreme Medien in Deutschland“ jenen Heinrich Müller in einem kurzem Absatz, in welchem von einer belegten Fälschung der Aussagen Heinrich Müllers bezüglich der Shoa die Rede ist. Soweit, so gut, doch weitere Taten und Aktivitäten Müllers kommen in jener Studie nicht vor.
Judenmord und eine dahinter stehende, jedwede andere Ideologie auschließende Weltanschauung: bis heute widersprüchliche Komponenten in der politischen Wahrnehmung der BRD?