Wenn Ulrich W. Sahm nicht Journalist geworden wäre, so hätte es für ihn nur eine einzige andere Bestimmung geben können: Prediger. Egal ob Priester oder Pfarrer, weder katholische noch evangelische Kirche müssten sich um Mitgliederschwund sorgen. Denn sobald Sahm die Kanzel betreten und sein Sprechorgan zum Einsatz gebracht hätte, wären alle Kirchenbesucher sitzen geblieben und am nächsten Sonntag wieder gekommen, sei es aus Angst oder aus Überzeugung. Denn wenn Ulrich W. Sahm, seines Zeichens Israel-Korrespondent für mehrere deutsche Medien, darunter n-tv, erst einmal loslegt, kann man nicht anders als auf seinem Sitz ein wenig kleiner zu werden.
Seine außerordentliche Stimme setzte Sahm am vergangenen Mittwoch in Freiburg ein: bei einem Vortrag des Carl-Schurz-Hauses, dem deutsch-amerikanischen Institut Freiburg, der in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft Freiburg organisiert worden war, sprach Sahm über „Obama im Nahost-Minefeld“.
Wer einen populären Irrtum über israelische Politik in seiner Gegenwart artikuliert, wie im Anschluss an den Vortrag geschehen, der bekommt die Wucht des sahmschen Resonanzkörpers zu spüren. Doch das Angenehme an Sahm ist: er poltert zwar, er ironisiert und manchmal wird er auch sarkastisch, aber zuallererst erklärt er Zusammenhänge. Und dies kann er aufgrund seines überragenden Fachwissens.
So räumte Sahm gleich zu Beginn mit dem Mythos auf, dass Israel ja seit Beginn seiner Existenz von den USA unterstützt worden sei und ohne diese Unterstützung überhaupt nicht existieren könne. Die amerikanisch-israelische Zusammenarbeit begann nämlich nachweisbar erst während des Schwarzen September 1970, als Arafats PLO in Jordanien putschen wollte und gleichzeitig Syrien an eine Eroberung Jordaniens, des ehemaligen „Süd-Syrien“ dachte. Die USA unterstützten Israel seinerzeit, um eine Kettenreaktion zu vermeiden.
Und auch seitdem sind die amerikanisch-israelischen Beziehungen weder einzigartig noch gottgegeben: Israel trat bis heute keinem Militärbündnis bei (Im Holocaust war kein Verlass auf die West- und Ostmächte, warum sollte dies später anders sein?), die USA unterstützten Ägypten mit der selben Menge an Dollars wie Israel, zudem unterhält der israelische Staat gute Beziehungen zu den Global Players Indien und China. Sahms Fazit: ein Bruch zwischen Israel und USA ist durchaus denkbar, und wäre für beide nicht das Ende der Welt.
Scharfe Kritik äußerte Sahm an Barack Obamas mittlerweile als „Kairoer-Rede“ historisch gewordener Ansprache am 3. Juni 2009 an die muslimische Welt. Damals brandmarkte Obama die israelischen Siedlungen als „illegal“, ohne dass dafür eine rechtliche Basis existierte: Denn das Völkerrecht verurteilt an keiner Stelle Siedlungsbau, es verurteilt lediglich die Deportation oder den Bevölkerungstransfer in andere Gebiete. Dieser Artikel hat seinen Ursprung in den Erfahrungen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Aber er kann nicht auf israelische Siedlungen angewandt werden: welcher Siedler wurde gegen seinen Willen in eine Siedlung verfrachtet?
Gleichzeitig versprach Obama in seiner Rede Zugeständnisse der anderen Seite (Überflugrechte für die El Al über Saudi-Arabien), ohne dies vorher mit den Aarabern abgesprochen zu haben. Dementsprechend heftig flog ihm die Antwort der Saudis um die Ohren: Kein jüdisches Flugzeug werde jemals die heilige Luft über Mekka verpesten!
Seitdem liegt folgende Situation vor: die palästinensische Seite sieht sich von jeglicher Bringschuld befreit, solange noch israelische Siedlungen existieren (Warum irgendein Zugeständnis machen, wenn man doch Opfer von Aktionen sei, die selbst der US-Präsident für nicht rechtmäßig erachtet?) Gleichzeitig wissen die Israelis, dass Obama seine Aussage vom Juni 2009 nicht rückgängig machen kann, ohne innenpolitisch und vor den Arabern als Wendehals dazustehen. Allerbeste Voraussetzungen für eine israelische Politik, die sich von der amerikanischen loslöst.
Aber, und das betonte Sahm ebenso: Gott sei Dank hat in Nahost nicht Obama das Sagen, sondern Israelis und, im gegebenen Maße, Palästinenser. Und so repetierte Sahm das palästinensische „Wirtschaftswunder“, was sich seit dem Bau der Mauer, die zu 95 Prozent aus Zaun besteht, im Westjordanland ereignet. Seit das Judenmorden zu einem schier aussichtslosen Unterfangen wurde, kümmern sich die Palis in der Westbank um sich selbst. Und siehe da: es funktioniert! Teils aus eigener Kraft, teils durch die außerordentlich guten wirtschaftlichen Beziehungen zum israelischen Nachbar. Um „die dehors zu wahren“, wird zwar hier und da ein Produkt aus den israelischen Siedlungen öffentlichkeitswirksam verbrannt, nur um es wenig später jedoch auf dem Basar von Nablus zu verkaufen und Kapital zu generieren. Dieses kommt wiederum dem lokalen Konsum und damit dem Wachstum zu Gute.
Fazit: Mahmud Abbas wird, so lange er PLO-Chef und Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde ist, Israel niemals als jüdischen Staat anerkennen, weil er damit de facto das „Rückkehrrecht“ der „Flüchtlinge“ negieren würde; gleichzeitig kann Benjamin Netanyahu niemals einen Baustopp in Ostjerusalem (und damit auf israelischem Staatsgebiet!) vor sich und dem israelischen Volk verantworten. Nach außen hin ist also Stillstand angesagt.
Nach innen sieht dies jedoch ganz anders aus: Die Palästinenser im Westjordanland bilden derzeit tatsächlich so etwas wie eine Zivilgesellschaft aus (Sahm brachte dazu das Beispiel der Parkuhren in Nablus und die in Jordanien, mit israelischer Duldung, ausgebildeten Polizisten); das Wirtschaftswachstum, aus dem auch eine gewisse Zufriedenheit und damit der Abbau aggressiver Gefühle gegenüber Israel resultiert, wurde bereits angesprochen; der israelische Generalstabschef kann die Geburtskirche in Bethlehem besuchen, ohne dass ein Mob aufmarschiert (zu Zeiten der Intifada undenkbar). Bei genauerem Blick stehen die Zeichen im israelisch-palästinensichen Verhältnis, zumindest was die Westbank angeht, auf Entspannung (was den Gaza-Streifen angeht sieht das leider etwas anders aus).
Also was wäre, und dies ist eine der Grundaussagen von Ulrich W. Sahms Vortrag, wenn die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern sich durch stete Vermischung, regen Kontakt und fruchtbaren Warenaustausch entradikaliserten, ohne dass dies aus den politischen Verlautbarungen ersichtlich wäre? Vom Standpunkt deutscher Redaktionsstuben aus kaum denkbar, denn dort macht noch immer der Ton die Musik. Doch Gott sei Dank gibt es einen Nahostkorrespondenten, der diese Frage folgendermaßen beantwortet: Man brauch es sich nicht vorstellen, es ist längst Realität. Und daran wird auch Obama nichts ändern.
